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Verlag Piper, 270 Seiten.

Drei Dinge in Alessandro Bariccos Buch sind besonders wichtig: das Glas, die Eisenbahn und die Musik. Sie bilden den Lebensinhalt der Romanhelden, bestimmen ihr Schicksal und werden ihnen schließlich zum Verhängnis. Ort des Geschehens ist Quinnipak - ein kleines Städtchen irgendwo in Europa. Hier werden irgendwann im Laufe 19. Jahrhunderts große Träume geboren und merkwürdige Projekte in die Tat umgesetzt. Die Bewohner dieses Traumlandes sind phantasievoll, mutig und ziemlich verrückt!

Mr. Rail ist einer von ihnen. Er besitzt eine Glasfabrik und träumt von der Eisenbahn. Eine Lokomotive (Elisabeth) besitzt er bereits. Sie soll auf einer schnurgeraden, 200 Kilometer langen Strecke, die auf der Wiese unter dem Haus der Rails beginnt, in die Unendlichkeit sausen. So wie die Eisenbahn die Welt der Menschen verändert (die Zeit wird plötzlich knapp!), verändert sie auch Mr. Rails Welt und die Welt seiner Frau Jun.

Hector Horace fesseln andere Dinge: Der geniale Architekt entwirft wunderschöne Glaspaläste, die nie gebaut werden. Wie bei den anderen Träumern Quinnipaks leben auch bei Horace Genie und Wahnsinn in enger Verbundenheit.

Auch Mr. Pekisch hat Träume. Er ist der Komponist und Erfinder des Städtchens. Unter seiner Leitung ist ein ganz besonderes Orchester entstanden: das Humanophon: Es besteht aus Tönen, die sozusagen zu Fleisch und Blut geworden sind. Jedes Orchstermitglied hat nur einen einzigen, ganz bestimmten Ton in seinem Repertoire. Ab und zu kommt es zu natürlichen Ausfällen: So geht etwa mit dem Tod des Referend Hasek (Leberzirrhose) auch das tiefste fis des Humanophons verloren (die Grabrede wurde selbstverständlich von den beiden anderen fis - Mr. Wouk und Mr. Bardini - gehalten).

Mr. Pekisch lebt in einem Universum von Tönen und jagt ständig neuen, noch nie gehörten Klangfarben hinterher („Unter einem Meer flüssiger nächtlicher Töne begraben, wartete er auf einen runden Bronzeton.“). Er konstruiert noch nie gespielte Instrumente (etwa aus Kleiderschränken), bis ihn die Musik schließlich um den Verstand bringt.

Alessandro Baricco schafft es meisterhaft, Pekischs Tönen Leben einzuhauchen. Der ehemalige Musikkritiker schreibt, als würde er ein Stück komponieren. - Sein Romanheld Pekisch entwirft „Klanggewitter“ mit einer „Million Töne, die sich außer Rand und Band in eine einzige Melodie stürzen.“ Baricco macht daraus „Wortgewitter“, die er in atemberaubenden Schachtelsätzen, die sich über ein oder zwei Buchseiten hinziehen, auf den Leser niederprasseln läßt. Dabei arbeitet er mit Wiederholungen: Wichtige Motive - Satzfragmente, Sätze oder ganze Absätze - werden wie bei einer Komposition in Variationen immer wieder dargeboten.

Ein seltsames, skurriles Buch, das in keine literarische Schublade zu passen scheint; poetisch, witzig und eigentlich unbeschreiblich.

Bewertung: 9 Punkte (beste Bewertung: 10 Punkte)