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Die philosophisch, poetische Erzählung über den Kampf gegen die Dekadenz : Der Eisvogel

Wiggo Ritter, Sohn eines erfolgreichen Bankers, typischer Außenseiter und schwarzes Schaf der Familie in punkto Karriere lebt in seiner eigenen kleinen Welt. Nach seinem Philosophiestudium gibt es für ihn kaum Perspektiven. Als Arbeitsloser und Gelegenheitsarbeiter kämpft er sich am Existenzminimum durchs Leben, philosophiert von großen Taten und Veränderungen und ist mit seiner Direktheit bei Freunden und Verwandten nicht gerade ein Vorzeigegesprächspartner.

Doch eines Tages sieht Wiggo eine Chance in seinem sonst so erfolglosen Leben. Er begegnet den Geschwistern Mauritz und Manuela, zwei Terroristen unter der Obhut einer Unterorganisation namens Cassiopeia, die unter dem Oberbegriff "Wiedergeburt" agiert.
Ziel der Organisation ist die Bekämpfung der fortschreitenden Dekadenz, der Ideale und der Weltanschauung im engeren Sinne.
Für Wiggo Ritter scheint sich das Blatt schnell zu wenden. Er verliebt sich nicht nur in die wunderschöne Manuela, sondern verliert allmählich den Mut an der Durchführung der von der Organisation geplanten Anschläge. Und auch Freunde und vor allem Verwandte erkennen, dass der einst so einfühlsame Wiggo eine latente Aggressivität ausstrahlt, sobald er zusammen mit Mauritz auftritt. Der Stein, der ins Rollen gebracht wurde, scheint nun unaufhaltsam...

Tellkamp erzählt mit einer Mischung aus Philosophie und Poesie die Geschichte eines Außenseiters, der als Einzelgänger für die Bekämpfung der Dekadenz die ideale Zielperson bezüglich der Anwerbung darstellt. Als leicht zu fangender Fisch tapst Wiggo schnell im Halbdunkel, im Glauben etwas wirklich besonderes leisten zu können.
Für interessierte Leser mag vorweg gesagt sein, dass "Der Eisvogel" sich gerade in der Erzählweise stark von der Alltagsliteratur abhebt. Die Dialoge der Personen sind indirekt verpackt und nicht selten unüberschaubar. Weiterhin ist der rasante und zugleich irritierende Erzählstil mit seinen vielen Zeitsprüngen oft schwer zu verdauen.

Doch gerade diese Abweichung vom altbekannten Schema macht diesen Roman besonders interessant. Zwar bleiben viele, viele Fragen offen, da Tellkamp besonders prägende Geschehnisse im Plot einfach unter den Teppich kehrt, der Lesespaß bleibt trotzdem nicht außen vor. Schade nur, dass hier nicht preisgegeben wird, wie es zu der Begegnung zwischen Wiggo und den Geschwistern Mauritz und Manuela kam. Ebenso offen ist schließlich auch das Ende, das zwar nicht enttäuschend aber doch unangenehm verzeichnet werden darf.

Sehr lange Sätze, von dem überaus großen Fundus des Autors untermauert, ein Erzählstil wie auf der Überholspur und leider viel zu wenig voneinander getrennte Kapitel lassen das Durchlesen in einem Atemzug sehr schwierig werden. Gerade jüngere Leute mögen hier schnell die Lust verlieren. Dafür wird es für erfahrene Leser mit einem Hang zur Philosophie und zur Poesie wahrlich ein "etwas anderes" Leseabenteuer werden, da mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als ein gut verpackter Roman in der Erinnerung bleiben wird.

Autor: secretdanny